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Ein Bericht von Karl Heinz Wackerle
Farbenpracht zum Mitdenken
Es kann nicht Aufgabe eines Laien und interessierten Zuhörers sein, ein Blasorchester sozusagen als Rezensent zu beurteilen. Aber der Abend dieses 10. April 2011 im Haller Kurhaus war so voller Eindrücke, dass darüber auch die Nichtbesucher etwas erfahren sollen.
Nicht nur der Saal war überfüllt einschließlich der Stadtpolitiker (Bürgermeister Tratter in Speckbachertracht; er war jahrelang Flötist) und der Ehrengäste - das ist bei den Speckbacher Auftritten eh normal. Diesmal füllten aber 70 Musikanten plus Dirigent und 4 Marketenderinnen die Bühne. Dabei ein Konzertflügel, Bassgeige, Harfe, hoch herausragend eine sonst kaum einmal zu erblickende Kontrabassklarinette, sieben Schlagzeuger einschließlich Pauken, Glockenturm, Vibraphon und Xylophon - in Tirol auch „Hölzernes G´lachter“ genannt. Auffallend: der besonders niedere Altersdurchschnitt bei den Musikanten und – Innen (bei perfekter political correctness müsste man den Damen den Vortritt lassen; dann hieße es:...“bei den Musikantinnen und – anten!“) in diesem Ensemble der höchsten Leistungsstufe in Tirol.
Der erste Teil bot eine interessante Mischung: Kapellmeister und Arrangeur Stefan Laube, hatte zum Delirienwalzer von Josef Strauss selten zu hörende Stücke ausgewählt. Vor allem Amilcare Ponchielli war wohl den meisten von uns Zuhörern als Komponist des ausgehenden 19. Jahrhunderts unbekannt.
Feine Moderation
Rudi Gamper, jahrelang Mitarbeiter von RAI Bozen, moderierte, ausgezeichnet vorbereitet, den Abend professionell in angenehmer Weise. Durch ihn erhält das Konzert einen wirklich amüsanten und aufschlussreichen Bildungsakzent, weil man als Besucher eine Fülle anekdotischer, historischer und musikalischer Informationen mitbekommt. Außerdem beherrscht er die zuweilen fehlende Kunst, die Musik nicht durch vorauseilende Wortlawinen zu erschlagen. Hoffentlich wird er wieder eingeladen.
Faszination - Wale der Luft
Höhepunkt des musikalischen Speckbacherfrühlings war eine Tiroler Erstaufführung: „Sinfonie Nr.1 - Zeppelin-Sinfonie“ von Thomas Doss. Der gesamte zweite Teil des Konzertes bestand nur aus diesem Werk. Schon die Länge - 33 Minuten - bedeutet ganz sicher enorme Probenarbeit. Allein die Beobachtung beispielsweise des Holzregisters machte klar, welche technische Fertigkeit bei allen Musikern hier vorausgesetzt werden muss. Thomas Doss, der oberösterreichische Komponist (geb.1966) und Dirigent internationaler Ensembles, verarbeitet in dieser groß angelegten Musik die Entstehung und Faszination des Zeppelins, des riesigen, selbstschwebenden Luftschiffs mit dem Antrieb durch mehrere Propeller. Dieses Werk schildert in grandioser Weise einen Menschheitstraum, die Idee des Grafen Zeppelin, die Entwicklung hin zum Passagierluftschiff mit Kabinen, Salon, Bädern, Bar und Aussichtsplattformen, die Montagehallen in Friedrichhafen. Man erinnert sich des Schicksals der „Hindenburg“ welche mit 245 m Länge fast so groß war wie die „Titanic“. Sie ist nach einem Atlantikflug am 5. Mai 1937 bei der Landung tragisch mit vielen Opfern in Flammen aufgegangen, weil es an Helium, dem unbrennbarem Gas fehlte, das leichter ist als Luft. Dann der Gedanke daran, dass die Luftschiffe auch als Waffe im Krieg 1914 - 1918 verwendet wurden; und man erfühlt den wehmütigen Blick zurück auf diese majestätisch schwebenden „Wale der Luft“, deren es nur noch wenige kleine Exemplare gibt.
Reales Märchen – Wiedergeburt
In vier Sätzen wird man regelrecht hineingezogen in die vielen Stimmungen und Ereignisse dieser technischen Phantasie – eigentlich ein reales Märchen. Merkwürdig: es handelt sich natürlich um zeitgenössische Musik von hohen Schwierigkeitsgraden für jedes einzelne Register des Orchesters, für jedes Instrument. Und doch sind die feinsten und „heikelsten“ Pianostellen bis zu den voluminösen Tongebäuden und dem Getöse beispielsweise der Maschinenhallen verständlich und mitreißend, keine Banalitäten! Farbenpracht zum Mitdenken. Die einzelnen Register sind in eindrucksvoller Art ganz gleichberechtigt, nichts ist hier nur „führend“ oder nur „begleitend“. Die rhythmischen Einfälle sind so überraschend, dass man ständig neugierig auf die nächsten Takte, auf die nächsten „Bilder“ ist. Die Schwierigkeiten müssen wohl sehr groß sein. Sie wurden von den Speckbachern offenbar brillant gelöst. Der Schützenhauptmann und Kapellmeister Mario Caldonazzi von der Musikapelle „Kalisberg - Civezzano“ im Trentino ist hauptberuflich Professor am Konservatorium in Trient. Seine Beurteilung: allerhöchste Anerkennung. Die Trentiner waren deshalb Ehrengäste, weil unsere Speckbacher deren Wiedergründungsfest musikalisch begleiteten. Weitere Gäste waren wie alljährlich die Winterthurer aus der Schweiz. Die Freundschaft mit der dortigen Kapelle reicht in die ersten Elendsjahre nach dem Krieg zurück, als von dort Lebensmittel nach Hall kamen und hungernde Kinder bei gastlichen Familien Aufnahme fanden. Eine sehr schöne Tradition, die daraus erwachsen ist. Die Haller werden dort 2013 an einem kantonalen Musikfest mit Wertungsspiel teilnehmen. Willkommene Gäste waren auch Freunde von der Musikkapelle Peter Mayer – Pfeffersberg (bei Brixen), wahrscheinlich die derzeit beste Kapelle Südtirols. Sie geben am 17. September im Haller Kurhaus ein Konzert; die Speckbacher konzertieren in Pfeffersberg zu Pfingsten.
Ganz großer Applaus - Zugaben - allgemeine Begeisterung - glückliche Speckbacher mit Kapellmeister Stefan Laube und Obmann Herbert Ebenbichler.
Ein außergewöhnlicher Blasorchesterabend.
In Friedrichhafen lohnt sich ein Besuch im weltweit größten Zeppelinmuseum. Wer weiß - kommt die Zeit der „Fliegenden Zigarre“ noch einmal, wenn wir es wieder „langsamer angehen (müssen)“ und der Energieaufwand der Jets zu groß bzw. zu teuer wird. Im letzten Satz „Reinkarnation“ dieser Sinfonie erhebt sich der schwerelose Riese - wohl in unserer Phantasie - wieder in seinen Himmel.
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